Olivier Levasseur, genannt „La Buse“ (der Bussard), zählt zu den schillerndsten Figuren des goldenen Zeitalters der Piraterie. Um kaum einen anderen Seeräuber ranken sich derart hartnäckige Legenden wie um den französischen Freibeuter: Ein unermesslicher Goldschatz im Indischen Ozean, ein spektakulärer Wurf einer Geheimschrift vom Galgen herab und ein bis heute ungelöstes 17-zeiliges Freimaurer-Kryptogramm. Doch was ist historisch belegte Tatsache – und was entspringt der Schatzsucher-Romantik des 20. Jahrhunderts? Zeit für eine quellenkritische Bestandsaufnahme.
1. Historischer Kontext: Die reale Jagd nach der Nossa Senhora do Cabo
1.1 Der historische Kern
Olivier Levasseur wurde Ende des 17. Jahrhunderts in Calais in eine bürgerliche Familie geboren. Nach einer soliden Ausbildung fuhr er im Spanischen Erbfolgekrieg mit offiziellem Kaperbrief als Freibeuter für die französische Krone zur See. Nach Kriegsende wechselte er die Seiten, schloss sich Piraten in der Karibik an, kreuzte vor Westafrika und verlagerte sein Operationsgebiet schließlich um 1720 in den Indischen Ozean – damals eine zentrale Handelsroute der europäischen Kolonialmächte.
Hier gelang ihm im April 1721 gemeinsam mit dem englischen Piratenkapitän John Taylor (auf den Schiffen Cassandra und Victory) der größte Coup der Piratengeschichte: Vor Saint-Denis auf der Île Bourbon (heute La Réunion) kaperten sie die 72-Kanonen-Galeone Nossa Senhora do Cabo (Virgem do Cabo). Das portugiesische Flaggschiff war zuvor in einem schweren Monsunsturm entmastet worden; um ein Kentern zu verhindern, hatte die Besatzung fast die gesamte Artillerie über Bord geworfen. Die Piraten konnten das Schiff kampflos und ohne einen einzigen Kanonenschuss einnehmen.
An Bord befanden sich hochrangige Passagiere: der scheidende Vizekönig von Portugiesisch-Indien, Luís Carlos Inácio Xavier de Meneses (Graf von Ericeira), sowie Sebastião de Andrade Pessanha, der Erzbischof von Goa. Die Beute war gigantisch: Kisten voller Diamanten, Gold- und Silberbarren, Pagodenmünzen und das berühmte, mit Edelsteinen besetzte Kreuz von Goa aus massivem Gold, das von drei Männern getragen werden musste. Nach der Aufteilung der Prise zog sich Levasseur nach Madagaskar (u. a. Sainte-Marie und Bucht von Antongil) zurück.
Als die französische Krone und der Gouverneur von Bourbon eine Generalamnestie für ehemalige Piraten anboten, hoffte Levasseur auf Begnadigung. Da die Behörden jedoch die Herausgabe des erbeuteten Kirchenguts und der Schätze forderten, scheiterten die Verhandlungen. Levasseur tauchte jahrelang auf Madagaskar unter, arbeitete zeitweise als Lotse, wurde schließlich verraten, 1730 von einem Kriegsschiff festgesetzt und nach Bourbon überstellt.
1.2 Die Schafott-Legende
Am 7. Juli 1730 um 17:00 Uhr wurde Olivier Levasseur in Saint-Denis auf Bourbon öffentlich durch den Strang hingerichtet. Der bis heute weltweit kolportierten Überlieferung nach trug er auf dem Schafott ein Amulett um den Hals, riss ein 17-zeiliges Schriftstück hervor, schleuderte es in die versammelte Zuschauermenge und rief:
„Mes trésors à qui saura comprendre!“
(„Mein Schatz demjenigen, der dies versteht!“)
Dieser dramatische Ausruf entfachte einen über zwei Jahrhunderte andauernden Schatzrausch. Doch wie authentisch ist dieses Dokument wirklich?
2. Das Dokument: Typologie, Aufbau und Richtigstellung
2.1 Das 17-zeilige Kryptogramm
Das Schriftbild besteht aus 17 unregelmäßigen Zeilen einer Freimaurer- bzw. Pigpen-Chiffre (Winkel- und Gitterchiffre mit und ohne Punkte), ergänzt um einige geometrische Sondersymbole, die über das klassische 26-Zeichen-Alphabet hinausgehen.
Überraschender Fakt: Das Dokument taucht in keiner einzigen Quelle des 18. Jahrhunderts auf. Der Weltöffentlichkeit wurde die Chiffre erst 1934 durch den französischen Historiker und Bibliothekar Charles Bourel de La Roncière in seinem Werk „Le Flibustier Mystérieux. Histoire d’un trésor caché“ (Éditions du Masque, Paris) vorgestellt. De La Roncière gab an, die Unterlagen von einer Madame Rose Savy von den Seychellen zur Prüfung erhalten zu haben.
2.2 Textbefund: Inhaltliche Entschlüsselung
Wird die 17-zeilige Chiffre zeichenweise mit einem Standard-Pigpen-Alphabet transkribiert, ergibt sich keineswegs eine klare Wegbeschreibung, sondern ein fragmentarischer Text mit Lautschrift-Anleihen, Abkürzungen und altertümelnder Rechtschreibung:
„APREJMEYUNEPAIREDEPIJONTIRESKET… 2DOEURSQUESEAJTETECHERALFUNEKORT… PRENEY2LETCASSESURLECH… 45 DEGRE 2 MINUTES… UN TIERS DE CERCLE…“
Die Kernthemen dieses Texts kreisen um:
- Geometrie und Himmelsnavigation: Winkel- und Gradangaben (45 degre 2 minutes, un tiers de cercle).
- Chiffrierte Landmarken oder Symbole: pijon (Pigeon / Taube), tet de cheva (Tête de cheval / Pferdekopf), verbundene Herzen.
- Konstruktionsanweisungen: Unvollständige Peilungen und Schrittfolgen im Gelände.
2.3 Wichtige Richtigstellung: Abgrenzung zu den Begleitpapieren
In Internetforen und populärer Literatur werden regelmäßig zwei völlig verschiedene Dokumentengruppen durcheinandergeworfen:
- Das 17-zeilige Pigpen-Kryptogramm: Enthält die oben genannten geometrischen, nautischen und allegorischen Passagen.
- Die Savy-Begleitpapiere / Naggeon-Notizen: Textpassagen über bizarre Hausmittel – wie die Behandlung eines räudigen Schoßhündchens (chien turq), Salben aus Bienenhonig (culliere de mielle) oder getrocknete Taubenherzen als Liebeszauber bzw. Schnarchmittel – stehen nicht im 17-zeiligen Kryptogramm! Sie stammen aus separaten handschriftlichen Notizen im Stil okkulter Zauber- und Volksmedizin-Büchlein (Grímoires wie Le Petit Albert), die zusammen mit der Chiffre im Nachlass der Familie Savy / Naggeon aufgetaucht sind.
3. Echtheits- und Datierungsanalyse: Ein historiografischer Realitätscheck
3.1 Warum eine naturwissenschaftliche Datierung scheitert
Oft wird gefragt, warum das Dokument nicht einfach materialtechnisch datiert wird. Die ernüchternde Antwort: Es gibt kein physisches Originalmanuskript.
Weder in der Bibliothèque nationale de France (BnF) noch im französischen Übersee-Nationalarchiv existiert ein Originalpergament aus dem Jahr 1730. Alle heute zirkulierenden Abbildungen basieren ausschließlich auf der 1934 von Charles de La Roncière publizierten Nachzeichnung bzw. späteren Abschriften. Sollte jemals ein physisches Trägerdokument auftauchen, stünden moderne Analysemethoden bereit: Die Wasserzeichenanalyse (Filigranologie) des Hadernpapiers, Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) zur chemischen Prüfung von Eisengallustinte gegenüber synthetischen Tinten des 20. Jahrhunderts sowie die Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS-14C-Datierung).
3.2 Das vollständige Schweigen der Archivquellen (ANOM)
Das stärkste historische Gegenargument liefert die staatliche Aktenlage: In den Archives nationales d’outre-mer (ANOM) in Aix-en-Provence sind die Original-Justiz- und Verwaltungsakten der Kolonie Île Bourbon aus dem Jahr 1730 (Serie COL C3 / COL C4) vollständig überliefert.
Das Verhörprotokoll, das offizielle Todesurteil des Conseil Supérieur de Bourbon vom 7. Juli 1730 sowie der Vollstreckungsbericht des Henkers halten jedes Detail der Hinrichtung penibel fest. In keinem einzigen Dokument wird ein Pergamentwurf, ein Medaillon oder ein letzter Ausruf über einen Schatz erwähnt. Für die Kolonialverwaltung und die Richter war Levasseur schlicht ein verurteilter Seeräuber, dessen Fall mit dem Galgentod juristisch abgeschlossen war.
3.3 Linguistik und der Mythos des Bel-Ombre-Grundbuchs
Auch die Sprache des Dokuments spricht gegen eine Entstehung um 1730: Linguisten und Krypto-Historiker stufen den Text als Pastiche ein – eine künstliche Nachahmung eines älteren Französisch mit pseudohistorischen Schreibweisen, wie sie in Romanen und Fälschungen des 19. Jahrhunderts beliebt war. Winkel- und Freimaurerchiffren erlebten ihren Höhepunkt als populärkulturelles Motiv erst nach Edgar Allan Poes Meistererzählung „The Gold-Bug“ (1843).
Ebenfalls ein beliebter Mythos: Die angebliche Notariatsurkunde, laut der Levasseur eingetragener Grundbesitzer von Bel Ombre auf Mahé (Seychellen) gewesen sein soll. Die Seychellen waren 1730 unbewohnt und wurden erst 1756 durch Corneille Nicholas Morphey offiziell für die französische Krone in Besitz genommen; die erste feste Siedlung entstand 1770. Ein Grundbucheintrag oder Notariat im Jahr 1730 ist ein lupenreiner Anachronismus.
4. Wichtige Akteure und Forschungshypothesen
| Forscher / Akteur | Zeitraum | Hypothese / Beitrag |
|---|---|---|
| Charles de La Roncière | 1934 | Leitender Bibliothekar der BnF. Publizierte die Chiffre in Le Flibustier Mystérieux. Verhalf der Schafott-Legende zum weltweiten Durchbruch. |
| Reginald Cruise-Wilkins | 1949–1977 | Ex-Soldat, der fast 30 Jahre in Bel Ombre (Mahé, Seychellen) grub. Interpretierte die Landmarken und Symbole mythologisch als 12 Arbeiten des Herkules. Fand behauene Felsen, Münzen und Knochen, aber keinen Hauptschatz. |
| John Cruise-Wilkins | Ab 1977 | Sohn von Reginald; setzte die Ausgrabungen mit modernem Gerät (Georadar, Tauchpumpen) in brandungsumspülten Höhlen auf Mahé bis zu seinem Tod fort. |
| Emmanuel Mezino | 2014 | Autor von „Mon Trésor à qui saura le prendre…“. Hält das Dokument für authentisch und deutet die Chiffre als astronomische Sternkarte (Sternbilder Adler, Schild und Sternhaufen Messier 11) zur Landmarken-Navigation. |
| Nick Pelling | Laufend | Renommierter Krypto-Historiker (Cipher Mysteries). Sezierte akribisch die Widersprüche zwischen den Savy-Papieren, De La Roncière und den Chiffren; plädiert überzeugend für eine Fälschung bzw. ein romantisierendes Konstrukt des 19./20. Jahrhunderts. |
Weitere Thesen im Indischen Ozean
Neben Mahé konzentrieren sich Schatztheorien vor allem auf zwei Schauplätze:
- Frégate (Seychellen): Eine Auslegung vermutet das Versteck auf der Seychellen-Insel Frégate. Selbst James-Bond-Schöpfer Ian Fleming reiste auf die Insel, um nach Spuren von Piratengold zu graben. Detailliert nachzulesen in Wolfgang Krügers Buch „Die Paragoninsel“.
- Réunion (Ravine à Malheur): Eine andere These deutet Markierungen und Punkte der Chiffre als Umrisslinie der Nordküste Réunions zwischen Saint-Denis und La Possession. Ausführliche Bilddokumentationen dazu finden sich auf dieser französischen Recherche-Seite.
5. Populärkultur und Fazit
Auch wenn die Geschichtswissenschaft das Dokument als Fiktion einstuft: Die Faszination von „La Buse“ hat die weltweite Popkultur maßgeblich geprägt. Die Schafott-Szene inspirierte zahllose Autoren – von Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“ bis hin zur weltweit erfolgreichsten Manga-Serie aller Zeiten: Die legendäre Hinrichtungsszene des Piratenkönigs Gol D. Roger im Prolog von Eiichiro Odas One Piece („Mein Schatz? Sucht ihn doch! Irgendwo habe ich den größten Schatz der Welt versteckt!“) ist eine direkte Hommage an Olivier Levasseurs Galgenmythos.
Fazit: Mythos vs. Realität
- Realer historischer Kern: Die Kaperung der Nossa Senhora do Cabo 1721 war ein reales historisches Großereignis. Die ungeheure Beute existierte tatsächlich; Verbleib und Verteilung wesentlicher Teile des Schatzes auf Madagaskar sind bis heute ungeklärt.
- Die Chiffre ist kein Original von 1730: Das 17-zeilige Kryptogramm entbehrt jeder zeitgenössischen archivischen Stütze. Die Prozessakten im Übersee-Archiv (ANOM) schweigen völlig zur Schafott-Szene. Zusammen mit linguistischen Auffälligkeiten spricht alles für ein romanhaftes Konstrukt des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts.
- Dokumententrennung: Das Pigpen-Kryptogramm enthält geometrisch-nautische Begriffe, während die bizarren Notizen über Liebeszauber, Hundesalben und Bienenhonig aus separaten Grimoire-Fragmenten stammen.
Das Kryptogramm von Olivier Levasseur bleibt eines der faszinierendsten Rätsel der maritimen Überlieferung – weniger als echte Schatzkarte, sondern als zeitloses Meisterwerk moderner Piraten-Folklore.
Wie seht ihr das? Glaubt ihr an einen echten Kern der Bel-Ombre-Grabungen oder haltet ihr das Kryptogramm für eine geniale Erfindung der Zwischenkriegszeit? Diskutiert mit in den Kommentaren!
